
Der Staat soll können, was er können muss
Impulse vom 49. Deutschen Steuerberatertag 2026
Datum:
Heft 05/2026: Effizienzsteigerung mit KI
Wenn wir zum Deutschen Steuerberatertag fahren, erwarten wir fachlichen Input und den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. Das ist richtig und wichtig. Und doch liegt für mich der besondere Wert auch darin, den eigenen Blick zu verändern. Auf unseren Berufsstand, unsere Kanzleien und auf Fragen, die darüber hinausgehen.
Der 49. Deutsche Steuerberatertag fand vom 4.–6.10.2026 im World Conference Center Bonn statt. Besonders beschäftigt haben mich die Beiträge von Reiner Holznagel und Thomas de Maizière bei der Eröffnung. Nicht nur wegen ihrer Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Sondern vor allem wegen der Frage, was wir daraus machen.
Reiner Holznagel, Präsident des Bundes der Steuerzahler, fand deutliche Worte zur Steuer- und Finanzpolitik. Der Ausgleich der kalten Progression sei keine Steuersenkung, sondern lediglich die Korrektur einer inflationsbedingten Mehrbelastung. Eine Unterscheidung, die uns selbstverständlich erscheint, politisch aber offenbar immer wieder erklärt werden muss. Seine zugespitzte Beobachtung zum Bundestag: viel Meinung, wenig Wissen. Bei den angekündigten Reformen vermisste er den grundlegenden Ansatz. Einzelne Korrekturen reichen aus seiner Sicht nicht. Eine wirkliche Reform müsse noch einmal grundsätzlich neu gedacht werden. Wir müssen, so sein Appell, auch darüber nachdenken, wie der Staat seine Mittel einsetzt. Denn fehlt es tatsächlich nur an Geld? Durch Steuereinnahmen und neue Schulden stehen den öffentlichen Haushalten mehr Mittel als jemals zur Verfügung. Die Treppe von oben kehren, so sein Bild. Wer Sparsamkeit und Effizienz verlangt, muss diese Maßstäbe auch an das eigene Handeln anlegen. Beispiele aus dem Schwarzbuch zu unabgestimmten Förderungen und kostspieligen Bauvorhaben machten seine Kritik greifbar. Auch kurzfristige Entlastungen wie einen Tankrabatt betrachtete er skeptisch. Es brauche wirksame Entlastungen und konsequenten Bürokratieabbau, nicht nur ein weiteres Paket. Die finanzielle Situation der Kommunen warf zudem die Frage auf, ob unser Föderalismus in seiner heutigen Ausgestaltung noch zeitgemäß ist.
Ein Punkt aus dem Beitrag des DStV-Präsidenten, Thorsten Lüth, betrifft uns unmittelbar: Die Finanzverwaltung verlangt immer mehr Daten. Unternehmen und Kanzleien müssen sie aufbereiten und übermitteln. Aber was bekommen sie dafür zurück? Schnellere Verfahren, früher Rechtssicherheit, weniger Rückfragen? Lüths Kritik: Wir liefern immer mehr, bekommen dafür aber nichts zurück. Seine Forderung ist deshalb, dass die Finanzverwaltung Verfahren beschleunigt und schneller Rechtssicherheit schafft. Gerade bei der E-Rechnung stellt sich diese Frage. Digitalisierung muss auch den Unternehmen einen Nutzen bringen. Zusätzliche Anforderungen ohne spürbare Entlastung helfen unseren Mandanten wenig. Und gerade bei kleinen und mittleren Unternehmen sorgen wir dafür, dass diese Anforderungen überhaupt erfüllt werden können.
Ohne das Wie kein Was
Besonders inspirierend fand ich den Beitrag des früheren Bundesministers Thomas de Maizière.
Gemeinsam mit Julia Jäkel, Peer Steinbrück und Andreas Voßkuhle hat er die Initiative für einen handlungsfähigen Staat ins Leben gerufen. Sie entwickelt Vorschläge, damit notwendige Veränderungen nicht an den Strukturen ihrer Umsetzung scheitern. De Maizière beschrieb eine Politik und Verwaltung, die zu häufig in einzelnen Zuständigkeiten denkt. Jeder bearbeitet seinen Bereich, aber der Blick auf das Ganze fehlt. Behörden stimmen sich nicht ausreichend ab, technische Systeme passen nicht zusammen und Verfahren werden immer weiter ausdifferenziert. Das Ergebnis kennen wir auch aus unserem Berufsalltag: viel Aufwand, ohne dass die Sache entsprechend vorankommt. Sein Ansatz verzichtet bewusst auf die Suche nach Schuldigen. Entscheidend ist, wie es künftig besser gehen kann. Politische Ziele allein reichen nicht. Wer etwas verändern will, muss auch klären, wie die Umsetzung gelingen kann. Eine Staatsreform wäre deshalb die Voraussetzung für viele andere Reformen. Dabei geht es nicht um einen schwächeren Staat. Im Gegenteil: „Der Staat soll können, was er können muss.“ Dieser Satz bringt sein Anliegen für mich auf den Punkt. Bürokratieabbau soll nicht nur Bürger und Unternehmen entlasten, sondern auch dem Staat ermöglichen, seine Aufgaben verlässlich zu erfüllen.
Dafür braucht es auch mehr Freiräume auf der jeweils nächsten Entscheidungsebene. Wenn eine Kinderkrippe höchstens 20 Kinder aufnehmen darf, sollte es unter bestimmten Voraussetzungen möglich sein, ein 21. Kind zuzulassen. Nicht, weil Regeln beliebig wären, sondern weil die Verantwortlichen vor Ort die konkrete Situation beurteilen können. Ebenso könnte die Schulleitung über Ausnahmen von einem Handyverbot entscheiden. Das setzt voraus, dass wir Unterschiede akzeptieren. Nicht jede Schule und jede Kommune wird gleich entscheiden. Wer Eigenverantwortung möchte, muss diese Unterschiedlichkeit aushalten. Freiheit gibt es nicht ohne Risiko.
Veränderung auch bei uns selbst
Ein Gedanke hat mich besonders beschäftigt: Einen handlungsfähigen Staat, weniger Bürokratie und einfachere Verfahren würden wohl alle befürworten. Sobald aber die eigenen Interessen berührt sind, sieht es häufig anders aus. Dann werden Ausnahmen gefordert, Bedenken vorgetragen und sämtliche Verfahrenswege ausgeschöpft, um die Veränderung zu verhindern. De Maizière veranschaulichte diesen Widerspruch an einfacherem Bauen, Beurkundungspflichten und statistischen Meldepflichten. Für jede Regel findet sich ein Argument, warum gerade sie erhalten bleiben muss. In der Summe bleibt vieles beim Alten.
Fachliche Einwände sind wichtig. Unsere Erfahrung muss in Reformen einfließen. Die Frage ist aber, ob wir sie nutzen, um bessere Lösungen zu ermöglichen – oder um am Bestehenden festzuhalten. Das betrifft uns alle. Veränderungen wünschen wir uns gerne dort, wo andere umdenken müssen. Schwieriger wird es, wenn wir selbst Gewohntes aufgeben sollen. Reformbereitschaft zeigt sich deshalb nicht allein in der Zustimmung zu allgemeinen Zielen, sondern darin, Veränderungen im eigenen Bereich konstruktiv mitzugestalten.
Beschlossen ist noch nicht umgesetzt
Mit dem im Mai 2025 gegründeten Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung unter Karsten Wildberger wurden zuvor verteilte Aufgaben gebündelt, darunter die Digitalisierung der Bundesverwaltung und die Registermodernisierung. Die im Dezember 2025 beschlossene Föderale Modernisierungsagenda von Bund und Ländern umfasst zudem mehr als 200 Maßnahmen, um Bürokratie abzubauen, Verfahren zu vereinfachen und die digitale Zusammenarbeit zu verbessern. Das ist ein Anfang. Aber ein Beschluss allein verändert noch keinen Ablauf. Entscheidend ist, was im Alltag ankommt. Eine digitale Übermittlung ist noch keine Vereinfachung, wenn dieselben Angaben weiterhin mehrfach erfasst und geprüft werden müssen. Wir brauchen Verfahren, die tatsächlich entlasten und schneller Rechtssicherheit schaffen.
Mitmachen und voneinander lernen
„Mitmachen statt mitgenommen werden.“ Auch diese Aufforderung de Maizières blieb mir im Gedächtnis. Wir können nicht warten, bis alle überzeugt sind. Wir können aber selbst dazu beitragen, dass etwas vorankommt. Dazu passt sein Gedanke, „Inseln des Gelingens“ zu schaffen und darüber zu sprechen. Nicht nur erklären, warum etwas nicht geht. Sondern zeigen, wo es funktioniert.
Auch die interessanten Fachvorträge zum Einsatz von KI knüpften für mich an den Gedanken „Ohne das Wie kein Was“ an. Bevor wir formulieren, was KIfür uns erledigen soll, müssen wir unsere Prozesse verstehen: Wie laufen sie ab, wer trägt Verantwortung und wo müssen wir etwas verändern? Es geht nicht nur um Technik, sondern um unsere Abläufe und die Menschen, die darin arbeiten.
Besonders beeindruckt hat mich auch die Diskussionsrunde mit dem Publikum beim Forum Junge Steuerberater. Junge Kolleginnen und Kollegen berichteten offen über ihre Berufswege nach dem Examen: Selbständigkeit auf der grünen Wiese, Kanzleiübernahme, Angestelltenverhältnis oder Aufstieg in die Geschäftsführung. Nicht nur die Erfolge, sondern auch die Herausforderungen kamen zur Sprache. Gerade diese Offenheit machte den Austausch wertvoll.
Warum ist die Teilnahme am Deutschen Steuerberatertag für mich so wichtig und inspirierend? Wegen dieser Verbindung: Vorträge, die einen radikalen Perspektivwechsel ermöglichen. Fachlicher Input für unsere tägliche Arbeit. Und der intensive, ehrliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.
Wir kommen mit neuem Wissen zurück. Aber auch mit Fragen, die wir uns vorher vielleicht noch nicht gestellt haben. Und manchmal ist genau das der wichtigste Impuls.