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Effizienz im Spannungsfeld von Kontrolle und Vertrauen

Was fördert Verantwortung?

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Autor: Sabine Oettinger, Vizepräsidentin des LSWB

Heft 04/2025: Planung & Effizienz

© Foto: Jacob Lund/adobe stock

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie viel Kontrolle und Planung wirklich notwendig sind – und wann Vertrauen der bessere Weg ist?

Diese Frage stellen sich viele von uns, besonders angesichts der Herausforderungen, die die Digitalisierung, der Fachkräftemangel und die wachsenden Erwartungen unserer Mandanten mit sich bringen. Unsere Kanzleien bewegen sich in einem Umfeld, das zunehmend komplexer wird. Wie viel Kontrolle ist sinnvoll? Wo beginnt der Raum für Vertrauen? Und wie gelingt es, die richtige Balance zu finden, um gemeinsam erfolgreich zu bleiben?

Klare Planung schafft Sicherheit

Eine durchdachte Planung bildet das Fundament für eine funktionierende Organisation. Sie sorgt für Orientierung, schafft Transparenz und ermöglicht es, Ressourcen gezielt einzusetzen. In unseren Kanzleien bedeutet das vor allem, Aufgaben, Fristen und Zuständigkeiten klar zu regeln. Digitale Tools helfen uns, Prozesse zu steuern, Engpässe frühzeitig zu erkennen und flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Doch Technik allein genügt nicht: Erst wenn wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv einbinden, entstehen Motivation, Verantwortungsgefühl und Identifikation mit der Kanzlei.

Praxis-Tipp: Regelmäßige Teammeetings, offene Kommunikation und die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, sind zentrale Erfolgsfaktoren für eine gute Planung. So entsteht ein gemeinsames Verständnis für Ziele und Prioritäten.

Effizienz durch klare Prozesse

Effizienz ist das Ergebnis klarer, gelebter Abläufe. Checklisten, standardisierte Prozesse und regelmäßige Abstimmungen helfen, Fehler zu vermeiden und die Qualität unserer Arbeit zu sichern. Wichtig ist, Prozesse nicht als starre Vorgaben zu verstehen, sondern als dynamische Instrumente, die regelmäßig überprüft und weiterentwickelt werden. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aktiv an Verbesserungen mitarbeiten, bringen wertvolle Impulse und identifizieren sich stärker mit der Kanzlei.

Beispiel: In vielen Teams haben sich kurze tägliche oder wöchentliche Abstimmungen bewährt, um Aufgaben zu verteilen, den Stand der Dinge zu besprechen und gemeinsam Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden.

Kontrolle und Vertrauen: Ein Spannungsfeld

Wie viel Kontrolle ist nötig? Wie viel Vertrauen ist möglich? Studien zeigen: Zu viel Kontrolle kann die Zufriedenheit und Eigeninitiative hemmen und die Produktivität verringern. In Unternehmen mit strengen Kontrollen sind nur 45 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zufrieden – bei weniger Kontrolle steigt die Zufriedenheit auf 60 Prozent. Strenge Überwachung führt zudem zu mehr Konflikten mit Vorgesetzten: Ohne starke Kontrolle berichten nur 13 Prozent der Beschäftigten von Konflikten, mit Kontrolle sind es 32 Prozent.

Vertrauen hingegen fördert Motivation, Engagement und Innovationskraft. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich wertgeschätzt, arbeiten eigenverantwortlich und bringen sich aktiv ein. Die Produktivität steigt, wenn Führungskräfte vertrauenswürdig sind und Wertschätzung zeigen. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) belegt: Kontrolle ist für die Arbeitsleistung nur in seltenen Fällen entscheidend. Viel wichtiger sind Teamgeist, Eigenverantwortung und die Orientierung an gemeinsamen Zielen.

Fachliche Kontrolle als Qualitätsgarant

Gerade in Steuerkanzleien ist jedoch die inhaltliche und fachliche Kontrolle von Arbeitsergebnissen durch die Leitungsebene zwingend erforderlich. In unserer Kanzlei haben wir daher ein bewährtes Verfahren etabliert: Jahresabschlüsse und Steuererklärungen werden immer zunächst von Kolleginnen und Kollegen mit gleicher oder höherer Qualifikation sorgfältig geprüft. Rückfragen und Anregungen werden dokumentiert und gemeinsam besprochen. Erst im nächsten Schritt gehen die Unterlagen an die Kanzleileitung, die die endgültige Prüfung und Freigabe vornimmt. Durch dieses Sechs-Augen-Prinzip stellen wir sicher, dass die fachliche Qualität jederzeit höchsten Ansprüchen genügt und Fehlerquellen minimiert werden. So verbinden wir Vertrauen in die Kompetenz des Teams mit der notwendigen professionellen Kontrolle – zum Vorteil unserer Mandanten und zur Absicherung der Kanzlei.

Unser Lohnteam: Gelebte Effizienz und Vertrauen

Ein besonders gelungenes Beispiel aus unserer Praxis ist das Lohnteam. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter treffen sich monatlich, um aktuelle Herausforderungen, neue digitale Prozesse, die Belastungssituation und Mandantenthemen zu besprechen. Die Impulse für Verbesserungen kommen direkt aus dem Team. Die Geschäftsführung ist präsent, gibt Orientierung, aber greift nur steuernd ein. Die Verantwortung für die Umsetzung der besprochenen Maßnahmen liegt beim Team selbst. Eine nachgelagerte Kontrolle der Umsetzung durch die Kanzleileitung ist nicht nötig – das übernimmt das Lohnteam eigenständig.

Hier zeigt sich deutlich: Kontrolle und Überwachung wären nicht nur überflüssig, sondern könnten sogar schaden. Zu viel Kontrolle würde Eigenverantwortung und Engagement schwächen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema

  • Eine IW-Studie zeigt: Vertrauen fördert die Produktivität und steigert die Zufriedenheit. Kontrolle wirkt sich dagegen negativ aus.
  • In Unternehmen mit weniger Kontrolle gibt es weniger Konflikte und mehr Motivation.
  • Psychologische Studien belegen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen vertraut wird, arbeiten kooperativer, sind kreativer und bringen bessere Ergebnisse.
  • Wer Verantwortung übernimmt, braucht Freiraum und Vertrauen. Zu viel Kontrolle hemmt Innovationen und belastet das Betriebsklima.

Ausblick: Unsere gemeinsame Verantwortung

Wir stehen als Kanzleien vor der Aufgabe, einerseits Planung und Effizienz zu sichern, andererseits aber auch eine Kultur des Vertrauens zu leben. Das ist kein Widerspruch – im Gegenteil: Klare Strukturen und Prozesse schaffen die Basis, auf der Vertrauen wachsen kann. Wenn Teams wissen, woran sie sind, und sich aufeinander verlassen können, entsteht Raum für Eigeninitiative, Kreativität und kontinuierliche Verbesserung.

Die Herausforderungen der Zukunft werden wir nur im Team mit den Stärken jedes und jeder Einzelnen meistern – mit einer offenen Kommunikation, dem Mut, neue Wege zu gehen, und einer Führungskultur, die auf Vertrauen und Wertschätzung setzt. Unsere Kanzleien sollten Orte sein, an denen Planung und Effizienz mit Menschlichkeit und Teamgeist Hand in Hand gehen.

Fazit

Planung und Effizienz sind die Basis für eine erfolgreiche Kanzlei. Doch erst Vertrauen macht Teams stark. Kontrolle ist kein Selbstzweck – sie kann sogar schädlich sein, wenn sie zu stark ausgeprägt ist. Mit klaren Strukturen, regelmäßigen Abstimmungen und einer Kultur des Vertrauens erreichen wir mehr.