
Nach dem Examen – Lisas Weg
Möglichkeiten für junge Steuerberater
Datum:
Heft 01/2026: Junge Steuerberater
Lisa, 28, hat das Steuerberater-Examen bestanden. Die große Frage: Wie geht es weiter? Angestellt bleiben und attraktive Arbeitgeber auf kununu suchen? Kanzlei kaufen oder Schild raushängen? Sich beteiligen – gezielt beim Arbeitgeber nachfragen?
Junge Steuerberater und Steuerberaterinnen haben im Jahr 2026 viele Optionen.
Der Fachkräftemangel trifft hart: Zwei Drittel der Kanzleien suchen vergebens Bewerber.
Über 50 Prozent der Berater sind über 50 Jahre alt – Nachfolger für Kanzleien sind schwer zu finden.
Welche Wege kann Lisa einschlagen?
Option 1: Angestellt bleiben – kununu und Google-Bewertung als Kompass
Lisa kann in ihrer bisherigen Kanzlei weiterhin tätig bleiben, nun als Steuerberaterin. Das ist nicht immer der Fall, da das Gehalt mit dem bestandenen Examen erheblich steigt und gerade kleine Kanzleien den Spielraum dafür oft nicht haben. Wenn das Angebot aber vorliegt und die Zusammenarbeit bisher positiv war, ist dieser Weg sehr niedrigschwellig und vertraut.
Alternativ prüft Lisa kununu: „Ab 3,5 Sterne, über 70 Prozent Weiterempfehlung“. Führende Steuerberatungsverbünde zeigen vereinzelt Top-Werte nahe 4,9 Punkten – aber kleine Kanzleien punkten oft mit authentischer Kultur gegen Großkanzleien. Gehalt: 75.900 Euro brutto jährlich (kununu Gehaltsdaten 2026), bei den Großen meist mehr, allerdings für deutlich mehr Arbeitszeit und Überstunden. Häufig ist das Gehalt dort auf eine echte 40-Stunden-Woche heruntergerechnet keinesfalls besser. Hier gilt es, genau zu prüfen und die eigene Motivation zu hinterfragen.
Gut aufgestellte Kanzleien pflegen ihre öffentlichen Profile auf kununu oder Google, reagieren auf Kritik. Starke Arbeitgeber, sogenannte Top-Companies auf kununu werden von ihren Mitarbeitenden zu 99 Prozent weiterempfohlen, durchschnittliche Kanzleien liegen hier bei 70–80 Prozent. Top Companies ziehen deutlich mehr Bewerber an (bis zu dreimal mehr als schwache Profile).
Für Lisa bedeutet eine weitere Anstellung: Sicherheit, Netzwerk – aber begrenzte Mitsprache.
Option 2: Kanzlei kaufen
Auf Plattformen findet Lisa Einzelkanzleien: 600.000 Euro Umsatz, 45 Prozent Rendite (Gewinn 270.000 Euro), Preis 480.000–600.000 Euro (Multiplikator 0,8–1,0), gut tilgbar über den Gewinn und die Steuerersparnis durch AfA. Verkäufer suchen händeringend nach Nachfolgern, dem
entsprechend sind die Konditionen oft flexibel.
Doch die Risiken lasten bei dieser Variante allein auf Lisa: Hohe Digitalisierungskosten, kaum vorhandenes oder mit dem Kanlzeiinhaber gealtertes Personal, das Neuerungen kritisch gegenübersteht. Es fehlt der gewohnte, unmittelbare fachliche Austausch innerhalb der Kanzlei, die etablierte Struktur ist am Vorgänger orientiert.
Option 3: Schild raushängen – welche Risiken drohen?
Alternativ kann Lisa auch auf der grünen Wiese ganz neu gründen. Das bedeutet wirtschaftlich zunächst natürlich einen Schritt ins Ungewisse:
Erste Mandanten müssen gewonnen und alles muss von Grund auf organisiert werden. Aktuell suchen viele Steuerpflichtige verzweifelt einen Steuerberater, daher sollte sich der Mandantenstand schnell aufbauen. Aber interessante, gesunde und große Mandate entscheiden sich meist gegen eine Einzel- und für eine etablierte größere Kanzlei. Daher besteht das Risiko, dass zu Beginn viele kleine und arbeitsintensive Mandate auf Lisa zukommen. Und von der Lohnabrechnung über die Buchführung und Beratung hängt alles an ihr. Wenn dann zu bestimmten Terminen mehr zusammenkommt, hat der Arbeitstag auch mal zwölf und mehr Stunden. Sie kann im ersten Schritt nichts delegieren.
Vorteil ist aber, dass Kanzleistruktur und -kultur von Beginn an selbst gestaltet werden. Weiter sprechen Unabhängigkeit und langfristig hohes Einkommen ohne Schulden dennoch für den Solo-Start. Die Demografie begünstigt Mutige, doch die Last ist enorm.
Option 4: Beteiligung – direkt anfragen!
Lisa kann auch als angestellte Steuerberaterin Partnerin werden.
Wenn sie diese Möglichkeit bei ihrem bisherigen Arbeitgeber bekommt, kann sie sich in ihrem vertrauten Umfeld weiterentwickeln. Sie kennt die Mandate, die Struktur und die Kultur der Kanzlei. Nachwuchs aus den eigenen Reihen wird auch häufig bei der Bemessung des Kaufpreises begünstigt, weil dieser ein Garant für einen reibungslosen Übergang ist.
Viele Inhaber suchen und bevorzugen interne Nachfolger. Gezieltes Nachfragen nach Beteiligungsmodellen beim aktuellen oder bei einem neuen Arbeitgeber lohnt sich.
Will aber der bisherige Inhaber in absehbarer Zeit seine Kanzlei oder seine Anteile vollständig verkaufen, kann das durchaus Auswirkungen auf Lisas Zukunft haben. Zumindest, wenn sie eigentlich nur eine kleine Beteiligung finanzieren möchte. Verkauft der Inhaber an eine Private-Equity-Gesellschaft, sinken ihre Chancen auf eine Beteiligung: Häufig werden nur begrenzt Beteiligungsmöglichkeiten an der neuen Gesellschaft eingeräumt. Junioren bleiben dabei häufig außen vor.
Das bestehende, aber aktuell umgehbare Fremdbesitzverbot macht solche Verkäufe zudem prekär. Nach dem Verkauf dominiert dann der Renditezwang das Berufsethos und führt häufig zu überlasteten Mitarbeitenden mit der Folge einer hohen Fluktuation. Alles konzentriert sich auf den bevorstehenden Exit mit maximaler Rendite.
Wie es danach weitergeht? – Steht in den Sternen.
Bei der Beteiligungs-Variante hilft Lisa nur eines: Ein offenes Gespräch – Welche Möglichkeiten für eine Beteiligung gibt es kurz-, mittel- und langfristig? Denn der Wunsch des Inhabers, irgendwann seine gesamte Beteiligung abzugeben ist nachvollziehbar und berechtigt. Und hier muss sich auch Lisa positionieren – ist sie bereit, auf lange Sicht mehr Anteile zu übernehmen und eventuell gemeinsam mit anderen Kollegen und Kolleginnen aus dem Team die Kanzlei in die Zukunft zu führen?
Lisas Weg
Lisa wägt ab: Angestellt für Einstieg und Struktur, Beteiligung für Mitsprache ohne Alleingang, Kanzlei kaufen oder neu gründen nur bei starker Nervenlage. Junge Steuerberaterinnen und Steuerberater gestalten die Branche – Verbandsnetzwerke sichern informierte Schritte.
Der klügste Weg? Der eigene.
